Kleines Dorf mit großer Papiergeschichte !

Als der 1576 vom Herzog fundierten Welfenuniversität zu Helmstedt mit ihrer für Niedersachsen einmaligen Buchproduktion buchstäblich das Papier ausging, war es der Helmstedter Patrizier, Buchhändler und Förderer („Mäzen") der dortigen fürstlichen Buchdruck-Offizin Hermann Brandes - aus „Niedersachsens" damals bedeutendster Verlegerfamilie -, der zur Verbesserung seiner Versorgungssicherheit gleich mehrere Papiermühlen gründete.

In Räbke betraf dies im Jahre 1594 zunächst die Mittelmühle, die in diesem Zusammenhang „seiner Fürstl. Gnaden Julius Universität zur Ehren" konzessioniert und verpflichtet wurde, welchen Standort Brandes ganz nach Art eines städtischen Großunternehmers sogleich mit weiteren Mühlenwerken und schließlich gar „wie ein kleinß Städtgen" ausbaute - ein Engagement, welches ihm sofort harte Auseinandersetzungen mit den Edelherren von Warberg einbrachte. Bei diesem „ersten Räbker Mühlenkrieg" ging es hoch her; er wurde bis zur bitteren Neige bzw. bis hin zur „Einreißung der newen Gebew" geführt. Aber dabei ging es eben am wenigsten um die Papiermühle selbst - im Gegenteil, hier kam bald noch ein weiteres Papiergewerk hinzu -, und so liegen auch aus jener Epoche eine Reihe Papiere aus Räbke vor, die als Wasserzeichen das Brandessche Wappen mit Helm und Decken zeigen. Als ein Vertrauensbeweis seitens der fürstlichen Kammer ist es vielmehr anzusehen, wenn die Räbker Papierproduktionsstätte jahrelang in fürstlichem Auftrag das Papier zu den 1607 bis 1609 zu Helmstedt gedruckten Braunschweigischen Historischen Handlungen des Professors Henricus Meibom lieferte - ein Mammutwerk von vier Bänden und ca. 6.000 Seiten, ein offenbares Lieblingsprojekt des Regenten Heinrich Julius.
Mit jenem von Brandes in Räbke begründeten neuen Gewerbezweig sollte dieser kleine Mühlenort am Elm eine mehr als nur lokalgeschichtliche Bedeutung erlangen, denn wie Buch und Papier zusammengehören bzw. die Schwarze- und die Weiße Kunst, so gehören Helmstedt und Räbke in der Frühzeit der damals modernen und selbst reichsgeschichtlich besonders gewichtigen Alma Julia zusammen! So wie Helmstedt als ein überragender Standort der Buchgeschichte auf dem Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen anzusprechen ist, so trifft dies ebenso für Räbke als Standort der Papierhistorie zu. Dies untermauert allein schon die Tatsache, dass hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts die enorme Anzahl von vier Papiermühlen (einschließlich der nach Räbke hin belegenen und von dort verwalteten Frellstedter Obermühle) existierten - nirgendwo sonst in Niedersachsen befanden sich so viele Papiermühlen auf so engem Raum! Und zwei dieser Gewerke waren als durchaus bedeutende anzusehen:
So heißt es z.B. um 1750 von der Mittelmühle, dass sie der großen herzoglichen (und entsprechend privilegierten und mit Vergünstigungen aller Art versehenen!) zu Oker am Harz kaum nachstehe - und dies kurz vor ihrem beinahe legendären Aufstieg unter Scharschmidt, der damals schon als einer der „führnehmsten Papiermacher" des Landes vom braunschweigischen Professor Zachariae zu technischen Versuchen zur „Hebung der inländischen Papierfabrikation" herangezogen wurde. Zachariae, vom Collegium Carolinum (Vorläufer der Universität) in Braunschweig, hatte dieserhalb im herzoglichen Auftrag die inländischen Papiermühlen bereist und musste den Räbker „rühmen", dass er es verstehe, ein Papier zu bereiten, welches selbst dem holländischen in nichts nachstehe.
Dazu muss man wissen, dass es die Holländer waren, die die Papierverfertigung im internationalen Vergleich zur höchsten Perfektion gebracht hatten.
Ähnlich herausragendes ließe sich auch zur Obermühle berichten, die gleich unterhalb der
Quelle der damals wasserreichen Schunter liegt. In Anbetracht der auf reines Wasser
besonders angewiesenen Papiermacherei war sie insofern besonders begünstigt, aber auch
technisch auf der Höhe: Zum Jahr 1743 heißt es, sie „sei als eine neue, dem Lande sehr
nützliche Fabrique anzusehen, weil er (Borchardt) so schönes besonderes und großes Schreib-
und Druckpapier zu machen weiß, welches sich im ganzen Lande nicht hat finden lassen".
Diese Mühle wird im 19. Jahrhundert schlicht als die „Holländische Papiermühle" bezeichnet.
Als eine technische Großtat ist es übrigens anzusehen, dass 1723 in Räbke (Mittelmühle) der erste auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Niedersachsen nachzuweisende „Holländer" im Bau war. Immerhin handelt es sich beim „Holländischen Geschirr" um eine Einrichtung, die zur wichtigsten Neuerung und der am vielseitigsten einsetzbaren Maschine während der langen Zeit der vorindustriellen Papiererzeugung wurde. Diese Lumpenmahlmaschine löste die bis dahin verwendeten „Deutschen Stampfgeschirre" ab.
Die revolutionäre Bedeutung dieser Einrichtung erkannte auch sofort die Landesregierung und stoppte erst einmal die Neuerung des fortschrittlichen Räbkers (Wahnschaffe), denn sie befürchtete, dass durch eine derartige Verbesserung der Konkurrenzlage des Privat-Papiermüllers „die Amts- Papiermühle gar doch guten Theils nieder gelegt werden möchte". Damit ist eine weitere Räbker Papiermühle, nämlich die „Fürstliche Papiermühle" angesprochen, die auch gute Zeiten sah. Sie lag noch unterhalb der Mittelmühle und wurde insofern auch Untermühle genannt. Ihr Platz ist heute wüst.
Eine weitere Premiere und echte Besonderheit stellt die Räbker Fabrikation des ersten Zierrand-Luxuspapiers für Niedersachsen dar - beste Sorten des Schreib- und Briefpapiers mit aufwändigem Wasserzeichen, ein Spitzenprodukt und Renommee jeder größeren Papierfabrik! Und gerade bei diesen exquisiten Papieren steigern sich die Räbker zu ganz ausgefallenen Kunstwerken und halten darüber hinaus auch noch die höchste Anzahl verschiedener Motive und Ausführungen, welche ein Standort der Papierfabrikation in Niedersachsen auf sich zu vereinigen vermag. Ein solches Filigran zeigt die Titelaufmachung des hier zu Grunde liegenden Buches, und zwar auf der Vorder- und Rückseite! Auf der Vorderseite hält ein schwebender Engel mit Palmzweig das herzogliche Monogramm Carls V., während auf der Rückseite, also der rechten Seite des aufgeschlagenen Bogens, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, in der Seitenmitte der Schriftzug „RAEPKE B HELMSTET" ausgeführt ist.
Auch weiterhin ließe sich noch allerhand Großartiges aus Räbkes Papiergeschichte anführen:

etwa wie die Räbker ihre Konkurrenz auf den v. Honrodtschen Mühlen zu Veltheim und Sickte oder auf der großen staatlichen Okermühle etc. hinsichtlich der Papierqualität und des Preises immer einmal wieder auszustechen vermochten,
wie die Braunschweigische Landesregierung die Räbker Mittelmühle aufgrund deren Leistungsfähigkeit sogar gegenüber der eigenen herzoglichen Mühle zu Oker bevorzugte, um besser hier die technischen Experimente zur Verbesserung der inländischen Papierindustrie durchzuführen.

Ebenso verhielt es sich hinsichtlich des regierungsseitigen Bestrebens auf der Suche nach einem geeigneten Lumpensurrogat (-ersatzstoff), wobei auch in Räbke mit den skurrilsten Materialien experimentiert wurde: In Räbke fand die Forschung statt!

Nicht zuletzt auch, wie der rein fiskalische Wert einzelner Papiermühlen - auch zu Räbke - einst allen Ernstes und offiziell mit demjenigen von Schlössern des Hochadels verglichen wurde.
Dies seien nur einige ausgewählte Beispiele, welche die Räbker „Papierlandschaft" als eine
hervorragende charakterisieren.
Schwerpunkte im Buch liegen im chronikalischen Ablauf der reichhaltigen Geschichte der Papiergewerke und ihrer Betreiber, wobei mit gleich drei ausgewachsenen „Mühlenkriegen" aufgewartet werden kann, mit Exzessen wie Überfällen „bey finster nächtlicher Zeit", „Uffwigelung und Rebellion" und „Divergenzien" aller Art.
Faszinierend ist ebenfalls die Darstellung der teils extremen Sozialgeschichte der jeweiligen Hauptpersonen. Selbst der Warberger Drost und vielfache Rittergutsbesitzer Georg Wilhelm Wahnschaffe (ein Vetter unserer Papiermüller) spielt hier seine unübersehbare Rolle.
Ferner ist natürlich auch auf die überaus facettenreiche „selbstgegebene Verfassung" der Papiermacher einzugehen, die ihre eigenen, „gottgegebenen Gesetze" pflegten und somit natürlich mit den staatlichen Interessen immer einmal wieder auf Kollisionskurs liegen mussten.
Ebenso ist dem Hauptsorgenproblem der Papiermacher Aufmerksamkeit zu zollen, nämlich der Rohstoffversorgung, die sich vor allem zu einer recht allgemeinen „Lumpennot" auswuchs. Insbesondere betraf dies die Beschaffung der „unabdinglich nöhtig habenden" Quantitäten der weißen Leinenlumpen zur Herstellung feiner Papiersorten. Zwar war den Räbkern Mitte des 18. Jahrhunderts, also zu Zeiten des Merkantilismus, ein Lumpensammeldistrikt mit der ansich stolzen Zahl von mehr als 100 Dörfern und Städten zugeteilt, auch hatten sie ihre eigenen Lumpensammler unter Eid, die mit speziellen Sammelpässen ausgerüstet wurden und „auf Gott und sein heiliges Evangelium" schwören mussten, ihre zusammengetragenen Hadern nicht an fremde Mühlen zu liefern; und dennoch hatten sie es mit dem Problem der „Vorkaufung und Wegschleppung derer Lumpen außer Landes", also schlichtweg mit Lumpenschmuggel zu tun und litten unter rohstoffbedingten Lieferengpässen.
Leider ist das heute alles nur noch Historie. Vorbei die Zeiten, in denen die Wasserzeichen der Papiere den Ortsnamen RAEPKE u.ä. in die Welt hinaustrugen und weithin bekannt machten. Dabei gehörte man in Räbke keineswegs zu jenen, die die Zeichen der Zeit verschlafen hatten. Vielmehr nahmen die Scharschmidtschen Papierfabriken - er vereinigte die Räbker Manufakturen in seiner Hand - selbst in der Endphase ihres Bestehens technologisch und leistungsmäßig eine Spitzenstellung im Herzogtum ein: Bereits 1845 wird auf der Mittelmühle eine Papiermaschine, zeitgleich mit jener in Lachendorf bei Celle, als eine der allerersten im Herzogtum installiert. Bis dahin wurde auf der Mittelmühle an zwei Bütten im Schichtbetrieb Tag und Nacht gearbeitet.
Eine Papiermaschine ersetzte damals drei bis vier Bütten. Sie wurde per teurem Landtransport aus der Schweiz herangeschafft. Gleichzeitig modernisierte der Räbker den gesamten Betrieb mit teuren französischen Maschinen, deren Antrieb durch zwei Wasserräder und eine (ebenfalls zu sehr frühem Zeitpunkt aufgestellte) Dampfmaschine erfolgte. Hier könnten für Räbke bzw. Scharschmidt gegebenenfalls noch die Daten der Obermühle (Bütte, Holländer, Wasserrad etc.) hinzuaddiert werden.
Aber es war dies auch die Zeit der industriellen Revolution: Frankreich, Holland und England hatten bereits seit Jahrzehnten Papiermaschinen eingesetzt und überschwemmten den hiesigen Markt, was einer Inflation des Papierpreises gleichkam. Weiterhin war dies auch die Zeit der napoleonischen Befreiungskriege und der deutschen Freiheitsbewegung - übrigens Ereignisse, die sich durchaus in den Motiven der Räbker Wasserzeichen widerspiegeln -, womit stets eine wirtschaftliche Depression einherging. Da bedurfte es gar nicht der persönlichen und teilweise unglücklichen Umstände der Papierfabrikanten (wie im Falle Scharschmidts: geringe Kapitaldecke, um nicht von Verschuldung zu reden und dann der Tatsache, dass sich die „kostbare" Maschine nicht bewährte), um überall im Lande das große „Mühlensterben" und hier eben ein Eingehen der Papierfabriken einsetzen zu lassen ...
Bislang war „Niedersachsens Papiermacherdorf" - und mit nichts anderem haben wir es im Falle Räbkes zu tun - in der Technikgeschichte und Papierhistorie völlig unbekannt. Doch allmählich dringt die über eine lange Zeit herausragende Stellung unseres kleinen Mühlendorfes (das ebenfalls allein in diesem Punkte Rekordhalter in Niedersachsen sein dürfte) innerhalb der Papiergeschichte dieses Bundeslandes auch in das Bewusstsein der einschlägigen Geschichtsschreibung. Dafür sorgten zahlreiche Aufsätze des Verfassers in Fachzeitschiften, Jahrbüchern und Magazinen wie etwa dem Bulletin „Paper History" der „Internationalen Papierhistoriker" (IPH / Volume 10, 2000, Issue 3). Ebenso leistet das bewusste Buch seinen Beitrag natürlich auch direkt, denn inzwischen hat es seinen Standort in wohl allen namhaften papiergeschichtlichen Organisationen gefunden und ebenso in zahlreichen, selbst überseeischen (Universitäts-) Bibliotheken wie Stanford, Princeton, Harvard, Yale, Columbia, Cornell, Melvyl, Washington, New York etc.
Der Beitrag stellt einen Extrakt dar aus dem Buch:
Joachim Lehrmann: Herausragende Standorte der
Buch- und Papiergeschichte in Niedersachsen /
Helmstedter und Räbker Buch- und Papiergeschichte.
Lehrmann-Verlag-Lehrte 1994, 385 S. (DIN-A4),
geb. (Hardcover), ca. 380 Abb. (darunter
zahlreiche Räbker Wasserzeichen),
ISBN 3-980 3642-0-8, erhältlich auch bei der
Gemeinde (14,83 €).